Karpatensaga – In der Ferne
Leseprobe

Die Gedanken an die Čohani ließen ihn nicht los. Welches Recht hatte er gehabt, sich auf diesen Kampf der Seelen einzulassen und mit dieser Konsequenz zu entscheiden? War er, Kalo – der Rom Herr über Leben und Tod, über Leid und Erlösung? Er hätte auch einfach weggehen können. Stattdessen diese subtile Gewalt. Warum hatte er es zu einem Spiel gemacht wie eine Katze, die mit der Maus spielt, bis diese erschöpft ihren Geist aufgibt. War das überhaupt er, der da gehandelt hatte? So viele Fragen, die ihm auf der Seele brannten. Und keine Antworten, nur dumpfe Ahnungen. Er hatte in die tiefsten Abgründe seiner Seele geschaut. Ihm gruselte vor sich selber.

Sein Vater kam ihm in den Sinn. Wenn Kalo als Kind zu viel vor sich hin brütete, hatte Dade sich oft neben ihn gesetzt und ihm den Arm um die Schultern gelegt. »Im Jetzt haben Grübeleien ganz und gar keinen Platz, Kalo«, hatte Dade dann gesagt. »Grübeleien denken nur an gestern oder morgen. Aber beides existiert nicht. Das eine ist weg und das andere ist nur eine Illusion. Niemand weiß, was morgen wirklich kommt. Nur was dir jetzt begegnet, ist wahr. Schenke ihm deine Beachtung! Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Jetzt und zum inneren Frieden!«

Kalo zwang sich zur Achtsamkeit. Er horchte in die Natur, während er weiter und weiter ging. Ein Schneefink rief sein raues »Zjiiih – zjiih«. Ein anderer trällerte seine Antwort: »Ti ti zü – ti ti zü«. Mit kaum noch hörbarem Rascheln huschten kleine Eidechsen durch die Gräser. Bienen summten, Zikaden erfüllten die Atmosphäre mit ihrem Zirpen. Käfer surrten über den vielfältigen, bunten Gebirgsblumen. Begierig sog Kalo den Geruch der klaren Bergluft in sich auf.

Die schweren Gedanken verschwanden. Jetzt genoss er die Wanderung mit allen Fasern seiner Seele, spürte dabei wieder unbändige Lebensfreude in sich aufkeimen, fühlte sich eins mit allem, was war, mit Pflanzen, Tieren und der ganzen Schöpfung.

Die warme, späte Herbstsonne stand jetzt tief. Der Himmel zeigte sich blau und wolkenlos. Kein Wind regte sich und Kalos Schritte trugen ihn beschwingt weiter den flachen Hang hinauf. Eine Gruppe mächtiger Bergahorne auf einer Kuppe etwa drei Kilometer von ihm entfernt schien ihm ein lohnendes Ziel für die nächtliche Ruhepause zu sein. Auch wenn sie von hier aus winzig wirkten, erkannte er sie doch an der Form ihrer Kronen. Kalo steuerte beherzten Schrittes in ihre Richtung. Bis zum Sonnenuntergang sollte er es bis dorthin geschafft haben.

Ein schmaler Gebirgsbach, der sich munter plätschernd durch die Landschaft schlängelte, kreuzte seinen Weg. Er kniete nieder und schöpfte mit der hohlen Hand das kristallklare Wasser, um seinen Durst zu stillen.

Ein plötzlicher Windstoß fuhr ihm durch die Haare. Er hob den Blick. Weder Gräser noch Büsche bewegten sich. Er schaute zum Himmel. Keine einzige Wolke war zu sehen. Seltsam … 

Er nahm seinen Sack auf und setzte den Weg fort.

Plötzlich ein hohles Krachen gleich hinter ihm. Irgendetwas Großes musste auf den morschen Ast getreten sein, an dem er gerade vorbeigekommen war. Er drehte sich um. Tatsächlich war das lange Holzstück in zwei Teile gebrochen. Kalo war sich sicher, dass er es nicht zertreten hatte und schüttelte irritiert den Kopf.

Er ging nun langsamer, drehte sich immer wieder um. War ihm etwas entgangen? Folgte ihm etwas oder jemand? Kalo hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Es ließ ihn nicht mehr los. Ein leises Kribbeln wanderte seine Wirbelsäule hinauf.

Er blieb stehen, nahm seinen Sack vom Rücken und holte das Jagdmesser heraus. Als er seinen Weg fortsetzte, behielt er die Waffe in seiner rechten Faust, bereit, sie wenn nötig einzusetzen.

Die fast lila schimmernde Sonne begann langsam, sich hinter die Anhöhe zu verkriechen. Ein Käuzchen rief mit hohler Stimme. Kalo schauderte.

Ich bin doch gar nicht abergläubisch … 

Dann war es still. Zu still. Die allgegenwärtigen Vögel sangen nicht mehr. So ruhig war es normalerweise nur, wenn die Sonne schon untergegangen war – oder wenn sich ein Raubtier in der Nähe befand.

Es kam ihm vor wie eine endlose Zeitpanne, doch es waren wohl nur Sekunden, bis das Gezwitscher wieder unvermindert einsetzte. Kalo merkte, dass seine Nerven auf einmal zum Zerreißen gespannt waren.

Endlich hatte er die Bergkuppe erreicht und warf seinen Sack unter einen der großen Ahornbäume neben ein paar niedrige Büsche. Er sah sich nach allen Seiten um. Von hier aus hatte er eine ungehinderte Sicht auf die Landschaft. Im schwindenden Abendlicht hoffte er, etwas zu entdecken, ging um die Bergkuppe herum, schaute hinter jeden Busch, lenkte seinen Blick in die nähere Umgebung. Er konnte weder einen Menschen noch ein größeres Raubtier entdecken. Trotzdem sagte ihm sein Instinkt, dass etwas geschehen würde.

Hastig sammelte er trockenes Reisig und ein paar dickere Äste und entzündete ein Feuer. Seine Bewegungen waren fahrig. Er fühlte Blicke, die auf ihn gerichtet waren.

Kalo versuchte, seine namenlose Furcht zu verdrängen und seine alte Kaltblütigkeit wiederzuerlangen, machte sich über die Champignons und die Kräuter her, platzierte sie sorgfältig zwischen einigen Glutbrocken auf dem bloßen Boden. Dabei erwischte er sich, wie er immer wieder wie gehetzt nach hinten und zur Seite blickte.

Plötzlich raschelten über ihm die trockenen Blätter des Ahorns. Wieder keinerlei Anzeichen von Wind.

Er steckte das Messer mit der Lederscheide in einen seiner Stiefel, griff nach einem dicken Ast, der sich in Höhe seines Kopfes befand und zog sich hinauf. Dann kletterte er behänd nach oben, vorbei an dem verlassenen Nest eines großen Vogels, bis er fast in der Krone saß.

Kalo atmete tief durch. Während seiner Klettertour hatte er nichts Auffälliges bemerkt. Er erlaubte sich einen andächtigen Blick über die zackige Silhouette der fernen Gipfel, die sich in scharfem Kontrast gegen die purpurrot untergehende Sonne abhoben. Kein Grund zur Panik! Er beruhigte sich und begann den Abstieg.

Der verlockende Geruch der brutzelnden Champignons zog in seine Nase. Er ließ sich vom letzten Ast mit federnden Knien auf den Boden fallen. Dann trat er ans Feuer und stockte: Einige Äste der Büsche neben ihm waren frisch niedergetreten. Die Nackenhaare standen Kalo zu Berge, er zückte das Messer, sprang zurück zum Baum und lehnte sich an dessen Stamm, suchte Rückendeckung. Mittlerweile war es stockdunkel. Nur das Feuer beleuchtete flackernd die nächste Umgebung.

Stille. Immer noch dieses Gefühl des Beobachtetseins. Kalte Schauer auf dem Rücken.

Langsam werde ich verrückt! 

Er horchte in die Nacht. Nichts.

Bewegte sich dort in den Büschen etwas? Sie schienen lebendig zu sein. Oder war das nur der nervöse Widerschein der züngelnden Flammen?

Die Zeit verrann. Kalo stand noch immer regungslos. Das Feuer war fast niedergebrannt. Er schaute auf die verschrumpelten Champignons. Sein Hunger meldete sich.

Es war alles nur zu viel gewesen in den letzten Tagen … 

Er ging zu den Resten des Feuers, zog mit zitternden Fingern die Pilze zwischen den Glutbrocken heraus. Genüsslich verspeiste er die köstliche Mahlzeit und warf noch einige dicke Äste nach. Dann legte er sich neben das Feuer und fiel in einen unruhigen Schlaf. Wirre Träume von gequälten Menschen, Mördern und Toten quälten ihn. In kalten Schweiß gebadet erwachte er, stand auf und atmete tief durch, versuchte die Reste der inneren Bilder zu verscheuchen wie lästiges Ungeziefer. Er setzte sich unter einen der Ahorne und lehnte sich an den dicken Stamm, fühlte, wie die ruhige, überlegene Energie des mächtigen Baumes langsam in ihn einsickerte. Die Augen fielen ihm zu.

Es musste gegen Mitternacht sein, als er wieder Blicke spürte, diesmal ganz deutlich.

Ein Moment der Ruhe folgte. Das fehlende Zeitgefühl des tiefen Schlafes gaukelte ihm vor, dieser Moment sei eine Ewigkeit. Seine Fantasie baute die Erwartung des nächsten Blickes in all seinen Schattierungen und Gefahren in seinen Traum ein. Traum und Wirklichkeit verschwammen. Kalo kämpfte sich mühsam aus diesem Schlaf, der ihn wie eine Weste aus Blei am Boden festhielt.

Als er endlich die Augen öffnete, fiel sein Blick auf eine verhüllte Gestalt, die vor dem Feuer kauerte. Sie saß mit dem Rücken zu ihm. Ein weiter Kapuzenumhang bedeckte Kopf und Schultern und wallte in großen Falten bis zum Boden. Der Besucher drehte sich langsam und bedächtig zu ihm um.

Kalo traute seinen Augen nicht. Er griff nach seinem Kreuz …